Bei der Zukunft der Gesundheitsversorgung geht es nicht nur darum, Krankheiten zu behandeln. Es geht darum, sie zu verhindern.
Prävention gewinnt in der Gesundheitsversorgung zunehmend an Bedeutung. In Europa und darüber hinaus suchen Gesundheitssysteme nach Möglichkeiten, Risiken früher zu erkennen und einzugreifen, bevor Krankheiten überhaupt entstehen können. Nationale Präventionsprogramme werden ausgebaut, die Primärversorgung übernimmt eine größere Rolle bei der frühzeitigen Risikobewertung, wohnortnahe diagnostische Angebote bringen die Diagnostik näher zu den Patientinnen und Patienten, und spezialisierte Präventions- und Longevity-Angebote schaffen neue Modelle für eine proaktive Versorgung.
Dieser Wandel verändert nicht nur die Art der Gesundheitsversorgung. Er verändert auch die Anforderungen an die Diagnostik.
Über Jahrzehnte hinweg wurde Diagnostik vor allem eingesetzt, um eine Erkrankung nach dem Auftreten von Symptomen zu bestätigen oder auszuschließen. Prävention erfordert einen anderen Ansatz. Sie setzt voraus, Risiken bereits vor der Entstehung einer Erkrankung zu erkennen, unterschiedliche klinische Informationen zusammenzuführen und frühere, fundiertere Entscheidungen zu ermöglichen.
Die Notwendigkeit für diesen Wandel war noch nie so groß.
Nichtübertragbare Krankheiten (NCDs), darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes und chronische Atemwegserkrankungen, gehören weiterhin zu den größten Herausforderungen für Gesundheitssysteme weltweit. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation verursachten sie 2021 weltweit 43 Millionen Todesfälle, wobei Herz-Kreislauf-Erkrankungen weiterhin die häufigste Todesursache unter den NCDs darstellen.¹
Europa steht vor derselben Herausforderung. Das WHO-Regionalbüro für Europa schätzt, dass jedes Jahr etwa 1,8 Millionen Todesfälle durch NCDs vermeidbar sind, entweder durch wirksame Präventionsmaßnahmen oder durch rechtzeitige Diagnostik und den Zugang zu einer hochwertigen Gesundheitsversorgung.²
Diese Zahlen verdeutlichen, warum Prävention auf der gesundheitspolitischen Agenda zunehmend an Bedeutung gewinnt. Doch die Notwendigkeit von Prävention zu erkennen, ist nur der erste Schritt.
Die nächste Frage lautet, wie Gesundheitssysteme ihre Versorgung neugestalten, um Prävention tatsächlich zu ermöglichen.

Wie Gesundheitssysteme Prävention in die Praxis umsetzen
Es gibt kein einheitliches Modell für präventive Gesundheitsversorgung. Länder gestalten Prävention auf unterschiedliche Weise, abhängig von ihren Gesundheitssystemen, Finanzierungsmodellen und den Bedürfnissen ihrer Bevölkerung. Trotz unterschiedlicher Ansätze verfolgen sie dasselbe Ziel: Gesundheitsrisiken früher zu erkennen und proaktivere klinische Entscheidungen zu ermöglichen.
1. Bevölkerungsbezogene Prävention
In vielen Gesundheitssystemen beginnt Prävention lange bevor erste Symptome auftreten. Nationale Programme identifizieren proaktiv Menschen mit erhöhtem Risiko und laden sie zu strukturierten Gesundheitsuntersuchungen ein, anstatt abzuwarten, bis sich eine Erkrankung entwickelt.
Das englische NHS Health Check-Programm ist eines der etablierten europäischen Beispiele. Erwachsenen im Alter von 40 bis 74 Jahren, bei denen bestimmte Vorerkrankungen nicht vorliegen, wird alle fünf Jahre eine Untersuchung der kardiovaskulären Gesundheit angeboten. Ziel ist es, die kardiovaskuläre Gesundheit zu beurteilen und so ein erhöhtes Risiko wie z.B. Erkrankungen des Herzens, Diabetes, Nierenerkrankungen und Schlaganfall zu erkennen.³
2. Prävention in der Primärversorgung
Für viele Menschen beginnt Prävention bei der Hausärztin oder beim Hausarzt.
In den OECD-Ländern spielt die Primärversorgung eine wichtige Rolle bei Prävention, Früherkennung und dem Management chronischer Erkrankungen. Als erste Anlaufstelle im Gesundheitssystem kann eine starke Primärversorgung eine umfassende und kontinuierliche Betreuung gewährleisten, Prävention unterstützen und Menschen dabei helfen, ihre eigene Gesundheit besser zu managen.⁴
In Spanien zeigt die IMPaCT-Kohorte, wie die Primärversorgung zu einem stärker präventiven und prädiktiven Gesundheitsansatz beitragen kann. Die vom Instituto de Salud Carlos III (ISCIII) initiierte und über CIBER koordinierte Initiative hat das Ziel, rund 200.000 Menschen über einen Zeitraum von 20 Jahren über ein landesweites Netzwerk von Einrichtungen der Primärversorgung zu begleiten. Durch die Kombination von Fragebögen, körperlichen Messungen, biologischen Proben und klinischen Daten soll das Projekt dazu beitragen, die Faktoren, die die Entstehung wichtiger Erkrankungen beeinflussen, besser zu verstehen und die prädiktive Medizin und Prävention in Spanien weiterzuentwickeln.⁵
Spanisches Präventionsprogramm

3. Wohnortnahe diagnostische Angebote
Einige Gesundheitssysteme gestalten ihre Versorgung neu, indem sie Diagnostik näher zu den Patientinnen und Patienten bringen.
Das englische Programm der Community Diagnostic Centres (CDC) ist eines der bekanntesten Beispiele. Community Diagnostic Centres bieten ein breites Spektrum diagnostischer Untersuchungen außerhalb der akutstationären Krankenhausversorgung und ermöglichen Patientinnen und Patienten damit einen leichteren Zugang zur Diagnostik. Das Modell zielt darauf ab, diagnostische Untersuchungen in wohnortnahen Einrichtungen zu koordinieren und effizientere diagnostische Versorgungspfade zu ermöglichen.⁶
Dabei geht es nicht nur darum, zusätzliche diagnostische Kapazitäten zu schaffen. Die CDCs sollen auch klinische Versorgungspfade optimieren und die Organisation und Bereitstellung diagnostischer Leistungen verbessern.⁶
4. Spezialisierte Präventions- und Longevity-Angebote
Neben der öffentlichen Gesundheitsversorgung stellen spezialisierte Präventions- und Longevity-Angebote ein weiteres Modell proaktiver Versorgung dar. Diese Angebote konzentrieren sich in der Regel darauf, den Gesundheitszustand und mögliche Risiken zu beurteilen, bevor Symptome auftreten, wobei Prävention, langfristige Gesundheit und personalisierte Versorgung stärker im Mittelpunkt stehen.
Im Gegensatz zu traditionellen Versorgungspfaden, die häufig auf eine bestimmte Erkrankung oder einen konkreten klinischen Bedarf ausgerichtet sind, können Präventions- und Longevity-Angebote umfassendere Gesundheitsuntersuchungen innerhalb eines speziell auf Prävention ausgerichteten Versorgungspfads anbieten.
Aktuelle Erkenntnisse zu kardiovaskulären Gesundheitschecks deuten darauf hin, dass strukturierte Gesundheitsuntersuchungen dazu beitragen können, Menschen mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko zu identifizieren und kardiovaskuläre Risikofaktoren besser zu erkennen.⁷
Auch wenn sich Umfang und Organisation dieser Angebote erheblich unterscheiden, spiegeln sie einen breiteren Wandel hin zu einer Gesundheitsversorgung wider, die darauf abzielt, Risiken früher zu erkennen und zu managen, anstatt abzuwarten, bis sich eine Erkrankung manifestiert.
Was all diese Modelle gemeinsam haben
Obwohl Gesundheitssysteme unterschiedliche Ansätze zur Prävention verfolgen, stehen sie alle vor derselben Herausforderung: Wie lassen sich wachsende Mengen klinischer Informationen in sinnvolle klinische Entscheidungen übersetzen?
Stellen wir uns eine Patientin oder einen Patienten bei einer präventiven Gesundheitsuntersuchung vor.
Während eines einzigen Termins können medizinische Fachkräfte das kardiovaskuläre Risiko, den Gefäßstatus, die Lungenfunktion und die Vitalparameter beurteilen und dabei gleichzeitig Anamnese, Lebensstilfaktoren und Laborbefunde berücksichtigen. Jede dieser Informationen bietet eine andere Perspektive auf den Gesundheitszustand. Doch kein einzelner Messwert kann ein Gesamtbild abgeben.
Genau hier gewinnt das Konzept der Integrierten Diagnostik für die Prävention zunehmend an Bedeutung. Indem unterschiedliche Messwerte und klinische Informationen innerhalb desselben diagnostischen Arbeitsablaufs zusammengeführt werden, können medizinische Fachkräfte ein umfassenderes Bild des individuellen Risikos gewinnen und erhalten einen breiteren klinischen Kontext für die Entscheidung über geeignete nächste Schritte.
Damit verändert sich die Rolle der Diagnostik.
Traditionell dient Diagnostik dazu, eine Erkrankung zu bestätigen oder auszuschließen, sobald Symptome auftreten. Präventive Versorgung stellt eine andere Frage:
Wer ist gefährdet, und was können wir tun, bevor sich eine Erkrankung entwickelt?
Um diese Frage zu beantworten, reichen präzise Einzelmessungen allein nicht aus. Medizinische Fachkräfte müssen Ergebnisse aus verschiedenen diagnostischen Bereichen miteinander verknüpfen, Muster erkennen und klinische Informationen in sinnvolle Entscheidungen übersetzen können.
Dieser Ansatz spiegelt sich auch in den ESC-Leitlinien 2021 zur Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wider. Sie stellen die Bewertung des kardiovaskulären Risikos in den Mittelpunkt präventiver Entscheidungen und empfehlen, individuelle Merkmale, Risikofaktoren und das kardiovaskuläre Gesamtrisiko bei der Entscheidung über präventive Maßnahmen zu berücksichtigen.⁸
Auch die Gesundheitspolitik entwickelt sich in diese Richtung. Die Globale Strategie der Weltgesundheitsorganisation für digitale Gesundheit 2020–2027 fördert durch digitale Transformation die Entwicklung effektiverer, gerechterer und stärker am Menschen orientierter Gesundheitssysteme.⁹ Der Europäische Gesundheitsdatenraum (European Health Data Space, EHDS) schafft einen gemeinsamen EU-Rahmen für elektronische Gesundheitsdaten und umfasst Maßnahmen, die den Zugang zu Gesundheitsdaten sowie die Interoperabilität elektronischer Patientenaktensysteme verbessern sollen.¹⁰
Unabhängig davon, ob Prävention über nationale Programme, die Primärversorgung, wohnortnahe Diagnosezentren oder spezialisierte Präventionsangebote erfolgt, basieren alle Modelle auf derselben Grundlage: rechtzeitig verfügbare, zuverlässige und klinisch relevante diagnostische Informationen.
Über Jahrzehnte hinweg wurde die Genauigkeit einzelner diagnostischer Untersuchungen kontinuierlich verbessert.
Die nächste Herausforderung besteht darin, die daraus gewonnenen Informationen besser zu nutzen.
Die Zukunft der präventiven Versorgung wird zunehmend davon abhängen, wie effektiv Gesundheitssysteme diagnostische Arbeitsabläufe, klinische Daten und einzelne Messwerte miteinander verknüpfen. Durch das Zusammenführen dieser Elemente kann die Integrierte Diagnostik medizinische Fachkräfte dabei unterstützen, ein umfassenderes Bild des individuellen Risikos zu gewinnen, fundiertere Entscheidungen zu treffen und früher zu intervenieren.
Denn die Zukunft der Prävention hängt nicht nur davon ab, was wir messen, sondern auch davon, wie wir unser Wissen miteinander verknüpfen.